Alle Dörfer bleiben

Kaulhausen

Nur 70m Tagebauabstand für Kaulhausen, 400m für Holzweiler und 1500m für Windkraftanlagen?!

Urkundlich erstmals 1478 erwähnt als „Kuilhousen“ bedeutet Kaulhausen: „Häuser in der Senke“. Der Ort gehörte zunächst zur Pfarre Wanlo und wurde 1804 der neu gegründeten Pfarre Venrath zugeteilt. Die 1632 in Kaulhausen errichtete Kapelle wurde 1899 abgebrochen. 1901 wurde in der Ortsmitte anstelle eines Löschwasserteiches und einer Pferdetränke der Grundstein für eine neue, größere Kapelle gelegt. 1908 wurde sie fertig gestellt und dem Heiligen Wendelinus geweiht.

Das beschauliche Kaulhausen mit seinen rund 220 Einwohnern ist seit jeher eng verbunden mit dem nur einem Kilometer nördlich davon entfernten, ca. 900 Einwohnern umfassenden Dorf Venrath mit Kirche, Kindergarten und Bäckerei. Das gesellige Vereinsleben mit Karnevals-, Fußball- und Schützenverein, Dorfforum, Mütter- und Frauengemeinschaft setzt sich aus Mitgliedern beider Dörfer zusammen. Venrath und Kaulhausen bleiben nach vehementen Protesten der Bevölkerung bestehen, obwohl sie ursprünglich ebenfalls dem Braunkohletagebau weichen sollten. Anfängliche Erleichterung darüber wird getrübt durch Vorboten des herannahenden Tagebaus, dessen Schäden nicht der Verursacher RWE, sondern die Bevölkerung tragen wird. So sinken etwa die Immobilienpreise, obwohl diese rund um Erkelenz stark steigen, der Betrieb von Grundwasserbrunnen ist aufgrund der Tagebausümpfungen nicht möglich und überdies gibt bereits Setzungen von Straßen und Wegen. Da alle Tagebaudörfer miteinander vernetzt sind, wird die mit dem Braunkohleabbau einhergehende soziale, landschaftliche und auch klimatische Beeinträchtigung hautnah spürbar.

2016 begann RWE damit, den ca. 10 m hohen „Tagebau-Schutzwall“ östlich von Venrath und Kaulhausen aufzuschütten und damit Tatsachen zu schaffen, obwohl der Tagebaurand voraussichtlich weiter nach Osten verschoben werden muss. Der während der Bauzeit als „Deponie“ ausgewiesene Wall ist nur 25m von der nächsten Haustüre in Kaulhausen entfernt und schränkt die Lebensqualität der Anwohner stark ein. Wo früher freier Blick und Zugang auf und in die ländlichen Felder und Wiesen war, endet nun die Landschaft. Ca. 50% der Freizeitwege entfallen und direkt hinter dem Wall soll die für den Tagebaubetrieb benötigte Grubenrandstraße als Ersatz für die durch die geplanten Abbaggerungen wegfallende L 354 als Verbindung von Wanlo nach Erkelenz entstehen.

Das Groteske: Tagebaugrenze mit Grubenrandstraße und Sicherheitszone wurden einer alteingesessenen Kaulhausener Familie direkt „durch ihr Wohnzimmer“ geplant, so dass diese der Enteignung gegenübersteht, sollte sie ihr Land und ihren Pferdehof nicht an RWE veräußern. Vehemente Einwände der Kaulhausener dagegen sowohl anlässlich der „Leitentscheidung 2016“ (nach der Holzweiler nun nicht abgebaggert wird) sowie zum Planfeststellungsverfahren der Landstraße L354n = Grubenrandstraße bei Kaulhausen wurden durch die Bezirksregierung und Straßen NRW abgewimmelt und ignoriert. Die durch Zwangsumsiedlung betroffene Familie hat nun Klage bei Gericht eingereicht. Es ist skandalös, dass durch eine offensichtliche Fehlplanung, die einfach behoben werden könnte, mehrere Mitglieder einer intakten Dorfgemeinschaft derart in ihren Rechten und ihrer Lebensqualität beeinträchtigt und unter Druck gesetzt werden. Dabei heißt es offiziell, dass Kaulhausen bestehen bleibt.

Der Kampf gegen den drohenden Braunkohlentagebau Garzweiler II hat in Venrath und Kaulhausen eine lange Tradition. Stammsitz der Bürgerinitiative „Stop Rheinbraun e.V.“ war und ist die ehemalige Gaststätte Bruns in Venrath als Keimzelle und Symbol des Widerstandes, der zwischenzeitlich ruhiger war aber immer noch ungebrochen ist.

Seit 2016 wird in Kaulhausen friedlich, fulminant und mit einem Augenzwinkern das erfolgreiche Wallweinfest als „Dorffest des Protests“ und des Widerstandes gegen den Braunkohletagebau gefeiert. Hier kommen Anwohner, Freunde, lokale und überregionale Politiker wie Landtags-, Bundestagsabgeordnete sowie zuletzt auch Mitglieder der Kohlekommission bei einem Glas Wallwein ins Gespräch. Die Idee geht auf einen Weinstock zurück, der dem Dorf nach einem Zukunftsforum als Symbol der Hoffnung geschenkt worden war, bei dem Stadt- und Raumplaner 2014 in Wanlo damit begonnen hatten, Visionen für eine Tagebaufolgelandschaft zu entwickeln. Zum anderen steht es für die Ablehnung des bis auf nur 100m an das Dorf heran geplanten Tagebaus.

Mit einem ca. 2 Jahre währenden Planungsprozess mit Bürgerbeteiligung hat das Dorfforum Venrath-Kaulhausen mit Stadtplanern und der Stadt Erkelenz ein Dorfinnenentwicklungskonzept erarbeitet, um sich gegen den herannahenden Tagebau zu wappnen. Erste Projekte wie eine Bürgerwiese für Jung und Alt oder ein Rundweg um beide Orte werden voraussichtlich 2019 verwirklicht. Hierbei musste jedoch stets die unbefriedigend nahe und heutzutage nicht mehr akzeptable Tagebaugrenze als Planungsbasis zugrunde gelegt werden. Kaulhausen ist in der Lage und dazu bereit, sich an einer erfolgreichen, lösungsorientierten Planung für eine lebenswerte Zukunft für alle zu beteiligen!

Im November 2018 konnte sich Ministerpräsident Laschet persönlich am Wall ein Bild vom Leben am zukünftigen Tagebaurand machen und versprach, sich um die Probleme der Bürger zu kümmern. Kaulhausen und die anderen Dörfer warten gespannt auf nun folgende Taten, denn: Tagebaubetroffene sind keine Menschen 2. Klasse!