Alle Dörfer bleiben

Wanlo

„Die Bagger werden sich bis auf 100m an den Ort heran fressen“

Wanlo mit seinen zur Zeit ca. 1120 Einwohnern ist das südlichste Dorf der Stadt Mönchengladbach, und wurde erstmals 861 urkundlich erwähnt. Es liegt in naher Zukunft am direkten nördlichen Grubenrand des Braunkohletagebaus Garzweiler II. Die Bagger werden sich bis auf 100m an den Ort heran fressen und alles vernichten, was zu unserer Heimat gehört.
Wanlo ist der einzige Ortsteil der Stadt Mönchengladbach, der durch den Tagebau betroffen ist.

Der Name Wanlo ist aus zwei Worten entstanden; er setzt sich zusammen aus Wan und Lo.
Wan bedeutet Wanne, Mulde oder Gewässer und steht für die ehemals im nahen Kuckum entsprungene Niers die Wanlo durchfließt. Lo bedeutet lichter Wald. Zwischen Wanlo, Keyenberg und Kuckum befand sich das Niersquellengebiet mit der für die Niers traditionellen Bruchlandschaft. Das gesamte Niersquellengebiet fällt dem Tagebau zum Opfer und soll laut Planung bis spätestens 2027 abgebaggert sein.

Wanlo sollte ursprünglich auch vom RWE Konzern vernichtet werden, aber durch viele Proteste und Widerstände wurde Wanlo 1991 wie durch ein Wunder aus dem Abbaugebiet herausgenommen. Die Einwohner konnten ihr Glück kaum fassen; damals war keinem hier bewusst, was es heißt, ein Grubenranddorf zu sein. Wanlo wird zu einem Sackgassen Dorf mit Tagebau Aussichtspunkt in Fußnähe werden.

Die Negativauswirkungen des Tagebaus schädigen und beeinträchtigen das Wohlergehen und die Gesundheit der betroffenen Menschen und Tiere hier vor Ort. Ständige Lärm und Lichtbelastung, selbst in der Nacht, durch die Baggerarbeiten sind an der Tagesordnung. Die Menschen hier finden keine Naherholung mehr. Der Tagebau ist immer und überall präsent. Sümpfungspumpen stehen im gesamten Umfeld des Dorfes und verschandeln das letzte bisschen heile Natur. Man kann diesem Wahnsinn nirgendwo entkommen. Aber auch große finanzielle Einbußen sind von den Randbewohnern hinzunehmen. Die Werte von Grundstücken und Immobilien wurden und werden durch den Tagebau drastisch reduziert.

Der Verkauf einer Immobilie in Grubenrandlage, wenn sich auf Grund der Umgebung überhaupt noch ein Käufer finden lässt, ist ohne erhebliche Verluste kaum mehr zu realisieren. Somit ist z.B. ein Wechsel des beruflichen oder wohnlichen Umfeldes, aus welchen Gründen auch immer, prak­tisch nur unter hohen Einbußen möglich.

Es sind aber nicht nur Privatleute von diesen „kalten Enteignungen“ betroffen, sondern auch jeder, der einen Gewerbebetrieb, sei es Landwirtschaft, Autowerkstatt, Blumenladen, Gastronomie, etc. (die Liste ließe sich beliebig erweitern), besitzt. Für den Landwirt und den Gartenbaubetrieb sind Ländereien in nächster Nähe des Betriebes überlebenswichtig, aber diese werden ja, ohne dass den Betreibern der zukünftige Nutzungsausfall ersetzt wird, einfach weggebaggert. Betreibern von kundenabhängigem Gewerbe werden durch die Auflösung, Zerstörung und Umsiedlung der Nach­bar­orte in weit entfernte Gebiete, langjährige Stammkunden einfach weggenommen. Massive finan­zielle Einbußen sind die Folge und es ist fraglich ob die Betriebe dies überleben.

Diese Problematik verschärft sich auch noch dadurch, dass das Dorf durch die massiven Tagebauauswirkungen zum Aussterben verdammt wird. Heranwachsende und junge Erwachsene, die unter normalen Bedingungen sicher ihrer Heimat treu geblieben wären, wandern in lebenswertere Regionen ab und Neuzuwanderungen wird es auf Grund der schlechten Lebensbe­din­gun­gen keine geben. Fazit ist: Das Dorf wird veralten und hat somit keine Zukunft.
RWE muss für diese Einbußen in den Grubenranddörfern in keiner Form Kompensation leisten. Es müssen weder Wertverluste ausgeglichen noch dafür gesorgt werden dass die soziale Infrastruktur der Dörfer erhalten bleibt

Neben den finanziellen Aspekten der wegfallenden Infrastruktur spielt hier natürlich auch die soziale und emotionale Seite eine große Rolle. Über Jahrzehnte gelebte und geliebte Nachbarschaft existiert nicht mehr, sei es das gemeinsam gefeierte Schützenfest, Sportvereine die gemeinsam eine Mannschaft bildeten, der Gesangverein, Kinder, die beste Freunde im Nachbarort hatten, das ortsübergreifende Kaffeekränzchen etc.; und nicht zu vergessen die nahe Natur, liebgewonnene Spazierwege, altvertraute Blicke auf jahrhunderte alte, gewachsene Landschaften und Gebäude. Alles weg, niemals wiederzubringen, für immer verloren.

 

Heimatverlust

Wir haben unsere Heimat verloren,
dieses enge, schöne, alte manchmal graue sehr vertraute Dorf.

Hier sind wir aufgewachsen, der Kindergarten, das Baumhaus in der alten Buche, die Vorfahren auf dem Friedhof, vertraute Wege, die Spielkameraden, erste Liebe und das schützende Elternhaus. Es wird uns unter den Füßen weggebaggert. Unsere Hoffnung ist erloschen, unsere Träume sind gestorben. Das Dorf, es wird nie wieder sein, unwiederbringbar zerstört.

Umsiedlung, ein harmloses Wort, dass der Vertreibung und Enteignung aus der Heimat zuvorkommt.

Autorin: Birgit Cichy